#3 Podiumsdiskussion Female Tracks 2026 – Bruchpunkte der Geschichte: Bild, Stimme und das Unsagbare
Mit dem diesjährigen Schwerpunkt „Bröckelnde Fassaden, tiefe Risse“ widmeten sich die von Bianca Jasmina Rauch kuratierten Female Tracks 2026 den sichtbaren und verborgenen Brüchen unserer Gegenwart. Das vielseitige Festivalprogramm vereinte Filme, Gespräche und Diskussionsformate, die sich mit Fragilität, Widerstand und den Spuren gesellschaftlicher wie persönlicher Umbrüche auseinandersetzten. Als Teil des Programms konzipierte und moderierte Barbara Wolfram die Podiumsdiskussion „Bruchpunkte der Geschichte: Bild, Stimme und das Unsagbare“.
Gemeinsam mit der Filmwissenschaftlerin Asja Makarević und der Filmemacherin Cordula Rieger entstand ein vielschichtiges Gespräch über das Spannungsfeld zwischen persönlicher Erinnerung und kollektiver Geschichte. Im Mittelpunkt standen filmische Formen des Erzählens, die sich bewusst gegen lineare Narrative stellen und stattdessen mit Fragmenten, Leerstellen und Brüchen arbeiten.
Ausgehend von Makarevićs Forschung zum postjugoslawischen Kino haben wir diskutiert, welche Bilder Krieg und Trauma überhaupt darstellen können und wann das Nicht-Zeigen zu einer ethischen und politischen Entscheidung wird. Welche Verantwortung tragen Filmschaffende gegenüber historischen Erfahrungen? Kann das Auslassen manchmal mehr erzählen als explizite Bilder? Was sind Bruchpunkte und ist das eine momentane oder eine andauernde Erfahrung? Diese Fragen eröffneten eine intensive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen filmischer Repräsentation.
Cordula Rieger hat Einblicke in ihre künstlerische Praxis gewährt, in der biografische Materialien, familiäre Erinnerungen und gesellschaftliche Zusammenhänge miteinander verwoben werden. Gemeinsam sprachen wir darüber, wie Bruchpunkte in persönlichen Erinnerungen sichtbar werden, wie sich Fragmente und Widersprüche filmisch erzählen lassen, ohne sie zu glätten, und weshalb gerade diese offenen Stellen neue Perspektiven auf Geschichte ermöglichen. Dabei wurde deutlich, dass Erinnerung kein abgeschlossener Prozess ist, sondern sich im Erzählen immer wieder neu formiert.
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Stimme, nicht nur als filmisches Gestaltungsmittel, sondern als politische Frage: Wer erzählt Geschichte? Wer bleibt ungehört? Welche Archive werden angelegt und wie? Und welche Rolle spielen Migration und Exil für die Art und Weise, wie Erinnerungen weitergegeben werden? Gerade im Zusammenspiel von Bild und Stimme eröffnen sich Räume, in denen Erfahrungen sichtbar und hörbar werden können, ohne vollständig erklärt werden zu müssen.
Die Diskussion machte deutlich, dass filmisches Erzählen historische Brüche nicht schließen muss. Vielmehr kann Kino ein Ort sein, an dem Widersprüche bestehen bleiben dürfen und neue Formen des Erinnerns entstehen. Zwischen wissenschaftlicher Analyse und künstlerischer Praxis entwickelte sich ein inspirierender Austausch über das Potenzial des Films, Geschichte nicht als abgeschlossene Vergangenheit, sondern als gegenwärtigen, vielstimmigen Prozess erfahrbar zu machen.
Wir wünschen viel Freude beim Nachhören!

Dr. Asja Makarević promovierte in Filmwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt. Ihre Forschung befasst sich mit dem anhaltenden „Nachkriegszustand“ der ehemaligen jugoslawischen Länder sowie mit dem gleichzeitigen Entstehen „nicht-repräsentationaler“ Bilder von Krieg im postjugoslawischen Film. Von 2009 bis 2017 leitete sie Talents Sarajevo, die Networking- und Weiterbildungsplattform des Sarajevo Film Festivals für aufstrebende Filmschaffende aus Südosteuropa und dem Südkaukasus. 2021/22 war Asja als Universitätsassistentin am Institut für Medien- und Filmwissenschaft der Filmakademie Wien (mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) tätig. Seit Oktober 2022 forscht sie im Rahmen ihres Postdoc-Projekts AGE-C über Darstellung von Alter und Geschlecht im europäischen Film an der Goethe-Universität Frankfurt.

Cordula Rieger (2000) ist französisch-österreichische Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin. Sie studierte Regie an der Filmakademie Wien. In ihren Arbeiten verbindet sie persönliche Geschichten mit gesellschaftlichen Themen – zuletzt in Liens familiers (2025, sixpackfilm). The Gallery (2021) über das feministische Kollektiv Femplak_Wien wurde international gezeigt und prämiert. Ihr Langfilmdebüt Nebenan (2025) untersucht Einsamkeit als gemeinsame Erfahrung.

Shownotes #3
Makarević, A. and Thieme, C. “Can’t You See Them?—Film Them.” Accidental Archivism. Eds. Stefanie Schulte Strathaus and Vinzenz Hediger. Meson Press, 2023.
Makarević, A. Beyond Post-War Cinema. Historical Experience in Post-Yugoslav Film. Amsterdam University Press (pending peer review, 2023)
Makarević, A. 2023. “Lydia Papadimitrou and Ana Grgić (eds.). In: Contemporary Balkan Cinema: Transnational Exchanges and Global Circuits< Em>: Edinburgh: Edinburgh University Press, 2022, ISBN-13: 978-1474458443, 322 Pp”. Apparatus. Film, Media and Digital Cultures of Central and Eastern Europe, no. 16 (July). https://doi.org/10.17892/app.2023.00016.345.
Makarević, A. Beyond Post-War Cinema. Historical Experience and Cultural Agency in Post-Yugoslav Film. Cinema & Cie (Vol. XVI, No. 26/27, Spring/Fall 2016, p. 161-163)
Nebenan (Cordula Rieger AT 2025, 89 min)
Liens familiers | sixpackfilm (Cordula Rieger AT/ FR 2025, 25 min)
The Gallery | sixpackfilm (Cordula Rieger AT/ FR 2021, 8 min)
Programm Female Tracks 2026 – Bröckelnde Fassaden, tiefe Risse kuratiert von Bianca J. Rauch